Bearbeitung: Prof. Dr. Elisabeth Hollender
Das “Goldene Zeitalter" des andalusischen Judentums zeichnet sich vor allem durch seine – sowohl liturgische als auch säkulare – hebräische Poesie aus, die durch eigene Regeln und poetische Techniken geprägt ist, und sich von den poetischen Traditionen anderer jüdischer Gemeinschaften sowohl formal als auch in der Bildersprache und den Themen unterschied. Obwohl einzelne ashkenazische Dichter im 12. Jh. mit dem quantitativen Metrum der sephardischen Poesie experimentierten, dauerte es bis ins 13. und 14. Jh. bis eine erkennbare Zahl von sephardischen Gedichten in den ashkenazischen Ritus aufgenommen wurde. Gleichzeitig begannen einige ashkenazische Dichter, mehr Elemente aus den sephardischen piyyutim zu entnehmen und in ihre eigenen Werke einzubauen.
Ebenfalls im 13. Jh. zeigen sich Veränderungen in der Art, wie byzantinische payyetanim dichteten. Auch sie griffen Elemente aus den sephardischen Dichtungen auf, orientierten sich dabei aber weitaus deutlicher an den sephardischen Vorbildern, als dies die ashkenazischen payyetanim taten. Auch an der Zahl der aufgenommenen sephardischen piyyutim zeigt sich, dass die Sephardisierung der romaniotischen Juden weiter ging, als die ihrer ashkenazischen Zeitgenossen.
Im Projekt werden zunächst Fallbeispiele analysiert, um die Elemente zu isolieren, die die ashkenazischen und byzantinischen payyetanim übernahmen, und um die Methoden, mit denen sie die eigenen Traditionen und die sephardischen Traditionen kombinierten, zu beschreiben. Diese Fallbeispiele und Studien zur Verbreitung von sephardischen piyyutim sowie nach sephardischem Model verfassten piyyutim in den ashkenazischen und romaniotischen Ritus dienen als Grundlage für einen Vergleich, der die unterschiedlichen Bedingungen des inner-jüdischen Kulturtransfers aufschlüsselt.
Publikationen:
E. Hollender, "Seferad in Tzarfat: Sefardi and Sefardi-Style Piyyutim in MS Bernkastel-Kues 313", in 'His Pen and Ink are a Powerful Mirror' Andalusi, Judaeo-Arabic, and Other Near Eastern Studies in Honor of Ross Brann, edited by Adam Bursi, S.j. Pearce, Hamza M. Zafer, Leiden, Boston: Brill 2020, pp. 94-117.
E. Hollender, "“Tsion She'arit Bne Ya'aqov": An Ashkenazic Qina in Sephardic Garb", in: A Word of Hope. Studies in Poetry and Piyyut presented to Professor Binyamin Bar-Tikva, Piyyut in Tradition 56, edited by Ephraim Hazan and Avi Shmidman, Ramat Gan: Bar Ilan University Press 2017, pp. *5-*21.
E. Hollender, "ציון הלא תשאלי and Its Ashkenazic Environment", in: Entangled Histories. Knowledge,
Authority, and Jewish Culture in the Thirteenth Century, edited by Elisheva
Baumgarten, Ruth Mazo Karras, and Katelyn Mesler, Philadelphia 2017,
pp. 248–262, 332–337.
E. Hollender, “»Zion, Will you not Inquire after the Well-being of Your Miserable Ones?« Medieval Qinot from Ashkenaz" in: Das kulturelle Profil der SCHUM-Gemeinden, ed. K.E. Grözinger, Wiesbaden: Harrassowitz 2014, pp. 261-274.