Exploring the dynamics of a Roman sanctuary - Interdisciplinary studies on spatial organisation and depositions at the central sanctuary in Nida-Heddernheim

Studien zur Dynamik eines römischen Heiligtums: Interdisziplinäre Forschungen zur Raumorganisation und Deponierungspraxis im Zentralheiligtum von Nida-Heddernheim

Antragstellerinnen

Prof. Dr. Anja Klöckner, Prof. Dr. Markus Scholz, Apl. Prof. Dr. Astrid Stobbe, Dr. Carsten Wenzel


Projektkennung

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - Projektnummer 552237669


Projektbeginn (Archäobotanik)

November 2025


Der zentrale Kultbezirk im römischen Nida

Bei Bauarbeiten für die neue Römerstadtschule in Frankfurt am Main im Ortsteil Heddernheim legte das Denkmalamt der Stadt Frankfurt zwischen 2016 und 2018 sowie 2022 große Flächen eines römischen Kultbezirks frei (Abb. 1). Die Befunde sind nahezu vollständig und weitgehend ohne spätere Störungen erhalten.

Abb. 1. Römisches Nida, Kultbezirk. Aktueller Übersichtsplan der Befunde (Auth et al. 2025 Abb. 2).

 

Innerhalb des von einer Temenosmauer umgebenen Areals im Zentrum des römischen civitas-Ortes Nida konnten mehrere Tempelanlagen; Steinbrunnen sowie – als zentrale Befundkomplexe des Heiligums – zahlreiche Opferschächte und –gruben dokumentiert werden. Die hohe Anzahl von etwa 70 Opferschächten ist für die römischen Nordwestprovinzen bislang einzigartig. Ihre Auswertung eröffnet außergewöhnliche Einblicke in rituelle Praktiken wie kultische Mahlzeiten und Opferhandlungen, die im Kultbezirk stattfanden.

Darüber hinaus ließen sich Befunde nachweisen, die der Errichtung des Heiligtums vorausgehen, darunter Spuren eines (früh-)flavischen Militärlagers sowie zahlreiche Backöfen und einige hölzerne Wirtschaftsgebäude auf diesem Areal entlang eines der zentralen Straßenzüge Nidas.

Die moderne Grabungstechnik und die detaillierte Dokumentation bilden die Grundlage für eine umfassende Auswertung des Heiligtums. Durch die interdisziplinäre Analyse der Kultgruben leistet das Forschungsprojekt einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis römischer Kultpraktiken sowie der Einbindung des Heiligtums in regionale Wirtschafts- und Versorgungsstrukturen.

Pflanzenreste als Schlüssel zum Kultgeschehen

Die Kulturschichten in den Opferschächten enthalten große Mengen sowohl tierischer als auch pflanzlicher Reste, darunter Getreide, Hülsenfrüchte, Nussschalen, weitere Samen und Früchte sowie Holzkohlen (Abb. 2). Darüber hinaus wurden Reste dokumentiert, die möglicherweise von Brei, Gebäck oder Fruchtfleisch stammen und derzeit weiter analysiert werden. Vergleichbare Funde sind aus anderen rituellen Kontexten der Römerzeit, insbesondere aus Gräbern, bekannt. Hinweise auf ausgefallene Importe wie Feigen, Trauben oder Pinienkerne liegen hingegen bislang nicht vor. Die archäobotanischen Analysen ermöglichen eine differenzierte Untersuchung der Rolle von Pflanzen und pflanzlichen Nahrungsmitteln im rituellen Kontext.

Abb. 2. Römisches Nida, Kultbezirk. Verkohlte Pflanzenreste aus Opferschächten A St. 1224, Getreidekaryopsen und –fragmente, B St. 1224, Hülsenfrüchte und –fragmente, C St. 1224, Nussschalen-Fragmente (Walnuss und Hasel), D St. 1221 Brei/Gebäck/Fruchtfleisch-Fragmente (Fotos: L. Rühl).

 

Die systematische Aufarbeitung der Opferschächte und –gruben ist auch für die chronologische Einordnung und Interpretation der Kultpraktiken von zentraler Bedeutung. In enger und interdisziplinärer Zusammenarbeit werden die Stratigrafie und Fundinventare – darunter Keramik, Kleinfunde, Tierknochen, Holzkohlen und Pflanzenreste – ausgewertet und miteinander verglichen. Die Zusammensetzung der Deponierungen kann Rückschlüsse auf Art und Wandel von Opfergaben und Kultmahlzeiten über die Nutzungsdauer des Heiligtums hinweg liefern.

Holz- und Vegetationsanalysen

Ein weiterer Untersuchungsschwerpunkt liegt auf den im Rahmen der Kultpraktiken verwendeten Hölzern, die in Form von Holzkohlen in den Verfüllungen der Opferschächte überliefert sind. Ihre botanische Bestimmung liefert Hinweise auf die Holzauswahl und Ressourcennutzung im rituellen Kontext. Ergänzend konnten sich in Sedimentanhaftungen an Metallobjekten Pollenkörner erhalten, die wichtige Informationen zur lokalen Vegetation im Bereich des Heiligtums liefern.

 

Die zentralen archäobotanischen Forschungsfragen sind:

  • Ist das nachgewiesene Pflanzenspektrum charakteristisch für rituelle bzw. kultische Handlungen?
  • Lassen sich spezifische Ritualen oder Kultmahlzeiten rekonstruieren und sind diese für Nida typisch oder auch andernorts belegt?
  • Spiegeln Veränderungen in den Pflanzenspektren archäologisch fassbare Entwicklungen wider?
  • Wie gestaltete sich die Vegetation im und um den Kultbezirk von Nida?

  

Weitere Schwerpunkte des Forschungsprojekts sind die Analyse und Rekonstruktion der Raumgestaltung, Chronologie und Deponierung, die Stellung des Heiligtums im Kontext der urbanen Entwicklung von Nida sowie der Umstände und der Zeitpunkt für die Aufgabe des Heiligtums.


Kooperationspartner

  • Archäologisches Museum Frankfurt (Dr. Carsten Wenzel)
  • Institut für Archäologische Wissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt a. M.
     
  • Prof. Dr. Anja Klöckner (Abt. I Vorderasiatische und Klassische Archäologie)
 
  •  Prof. Dr. Markus Scholz (Abt. II: Archäologie und Geschichte der römischen Provinzen)
 
  •  Apl. Prof. Dr. Astrid Stobbe (Abt. III: Vor- und Frühgeschichte, Labor für Archäobotanik Europas und Westasiens)
  •  Denkmalamt der Stadt Frankfurt (Dr. Andrea Hampel)
  • Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) der Universität Basel (Prof. Dr. Susanne Deschler-Erb, Dr. Barbara Stopp, Dr. Claudia Gerling); Förderung: Schweizerischer Nationalfond (SNF) Projektnr. 229636
  • Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Institutes (Dr. Kerstin Hofmann, Dr. Gabriele Rasbach)


Literatur

Auth – B. M. Sichert – C. Wenzel, Kulturelle Vielfalt. Ein zentraler Kultbezirk im römischen Nida (Frankfurt am Main-Heddernheim), in: E. Krieger (Hrsg.), Do ut des - Kulthandlungen in Heiligtümern in den römischen Provinzen: Beiträge zur internationalen Tagung am 8. und 9. November 2023 im LVR-Archäologischen Park Xanten, Xantener Berichte Band 51 (Oppenheim 2025) 207–233.

Auth – C. Wenzel, A central sanctuary in the Roman vicus of Nida (Frankfurt/Main‑Hedderheim, Germany), in: S. Bíró – B. Horváth (Hrsg.), Archaeology of Roman Sanctuaries. Proceedings of the International Conference held between 3rd-4th October 2024 at the Iseum Savariense in Szonbathely (HU) (Szombathely 2025) 7–36.

M. Sichert, Auf der Spur ritueller Handlungen – Interdisziplinäre Auswertung einer rechteckigen Kultgrube im römischen Tempelbezirk von Nida (Frankfurt-Heddernheim), Saalburg Jahrbuch 62/63, 2025, 145–201.

Flügen – A. Hampel – C. Wenzel, Ein Tempelbezirk im Zentrum von Nida (Frankfurt-Heddernheim) – erste Ergebnisse, in: U. Recker – Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), hessenARCHÄOLOGIE 2016: Jahrbuch für Archäologie und Paläontologie in Hessen, hessenARCHÄOLOGIE (Darmstadt 2017) 89–92.