Hande Birkalan-Gedik ist Vorstandsmitglied der International Society of Ethnology and Folklore (SIEF), wo sie als Ko-Koordinatorin der Working Group Historical Approaches in Cultural Analysis tätig ist. Kürzlich wurde sie zur SIEF-Historikerin (SIEF historians) ernannt, um ihre Arbeit zu Institutionsgeschichten zu vertiefen und enger zur reichen Geschichte der SIEF beizutragen. Sie ist die Gründungsherausgeberin und derzeit Ko-Herausgeberin der SIEF-Buchreihe SIEF Series in Ethnology and Folklore, die 2025 auf der SIEF-Konferenz in Aberdeen ins Leben gerufen wurde.
Projekttitel: Volkskundliches Wissen und Wissenstransfer: Volkskundliche Milieus, Formate und Schauplätze in der Türkei, (1950s-1980s) - gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
Das vorgeschlagene Projekt konzentriert sich auf die 1950er bis 1980er Jahre und untersucht das volkskundliche Wissen in der Türkei, das in verschiedenen Milieus, Formaten und Schauplätzen, vor allem außerhalb der Academia, entstanden ist und vom Staat geschaffen und gefördert wurde. Das Projekt beginnt mit den Veränderungen, die seit 1948 stattfinden, als die einzige Abteilung der türkischen Volksliteratur und Volkskunde an der Universität Ankara aufgrund politischer Anschuldigungen des Kommunismus geschlossen wurde. Diese Jahrzehnte markieren eine transformative Ära in den Folklore Studies in der Türkei, als Volkskunde zwar in einigen anderen Disziplinen unterrichtet wurde, aber kein eigenständiges Fach darstellte. Diese Periode ist auch global bedeutsam: Während Volkskunde-Folklore Studies im Nachkriegseuropa transnationale Ausrichtungen annahmen, behielten sie in der Türkei einen nationalen Fokus bei. Trotz oder vielleicht gerade wegen der Abschaffung wissenschaftlicher Volkskunde in dieser Ära entstand volkskundliches Wissen in anderen Kontexten: z. B. sammelten und archivierten staatlich finanzierte Organisationen volkskundliche Materialien; Zeitschriften publizierten neue Genres und stellten den volkskundlichen Kanon in Frage; nationale Institute organisierten internationale Kongresse, um ein breiteres Publikum zu erreichen. So verwischten sie die Grenze zwischen 'wissenschaftlichen' und 'nicht-wissenschaftlichen' Feldern, boten neue Stile der Volkskundeforschung und komplizierten die Begrifflichkeiten der Volkskunde.
Das Ziel des Projekts besteht darin diese Dynamiken in drei exemplarischen Fallstudien zu verfolgen, um zu zeigen, wie komplexe Formen der Institutionalisierung Literaturwissenschaften, Laienvolkskundler/innen, sowie Staatsakteur/innen miteinander verbanden und die Bedeutungen, Stile und Funktionen volkskundlichen Wissens neu definierten. Statt sich auf einzelne Gelehrte oder ein kanonisches Werk zu konzentrieren, fokussiert sich das Projekt auf die volkskundlichen Aktivitäten innerhalb einer Generation von Gelehrten und Netzwerken, in denen mit staatlicher Unterstützung eine neue Art volkskundlichen Wissens entstand, welches sich dann auf andere Akteure ausdehnte, die dieses Wissen verhandelten.
Durch die Untersuchung historischer Dokumente mit Quellenanalyse, kritischer Diskursanalyse, Inhaltsanalyse und Perspektiven der Begriffsgeschichte, ergänzt durch Oral History Interviews, erforscht das Projekt wie volkskundliches Wissen in der Türkei zwischen den 1950er und 1980er Jahren produziert und transferiert wurde; wie spezifische Milieus, Formate und Veranstaltungsorte dieses Wissen unterstützten, und wie es historisch und politisch eingebettet wurde. Das Projekt stellt damit Narrativen der europäischen Ethnologie in Frage, die die Türkei geografisch und epistemologisch marginalisierten, und bietet neue Einblicke, die die türkische und transnationale Geschichte der Volkskunde verändern werden.
Abgeschlossene Projekte
DFG-Projekt: "Traveling Theories": Die Geschichte der Anthropologie in der Türkei (1850-1950)
Das Vorhaben befasst sich kritisch mit der Geschichte der Anthropologie in der Türkei zwischen 1850 und 1950. Die Anthropologie in der Türkei zeichnet sich durch einen Eklektizismus aus: Sie kombiniert evolutionäre, nationalistische und moderne Paradigmen und formt sie zu einer komplexen nicht westlichen anthropologischen Tradition.
Im Kontext dieses Vorhabens ist Anthropologie als Sammelbegriff zu verstehen, der neben der Disziplin Anthropologie auch die Disziplinen der Volkskunde und Ethnologie bezeichnet. Die sich herausbildende Landschaft der Anthropologie und ihre Besonderheiten werden in der Türkei geprägt durch Nationale Projekte, spezifische intellektuelle Konfigurationen und die politischen Konstellationen. Der Eklektizismus der Anthropologie in der Türkei geht unter anderem zurück auf den soziokulturellen Wandel, der sich im ausgehenden osmanischen Reich und in der frühen türkischen Republik in den politischen und kulturellen Eliten der Zeit vollzieht. Bislang ist die türkische Anthropologie im Rahmen der Geschichtsschreibung der anthropologischen Disziplinen aus zwei Gründen weitestgehend übersehen worden. Zum einen vermochte die westliche Theorie und Praxis, durch ihre Dominanz die „anderen“ Anthropologien zu vernachlässigen. Die Türkei wurde damals epistemologisch nur als „anthropologisches Feld“ betrachtet. Ethnographisches Wissen sei dort lediglich zu erheben gewesen. Aber die Türkei galt nicht als Ort eigenständiger anthropologischer Wissensproduktion. Zum anderen hatten türkische Anthropologen selber Anteil an dieser Unsichtbarkeit. Sie versäumten, die Einzigartigkeit ihrer disziplinären Entwicklung zu erkennen und sich in positiver Weise auf die daraus folgenden Besonderheiten zu beziehen.
Um diesen Facetten der Unsichtbarkeit türkischer Anthropologie Rechnung zu tragen, nimmt das Vorhaben die analytische Perspektive der „world anthropologies“ ein. Dieser Ansatz betont in Bezugnahme auf postkoloniale Theorien die ungleiche Verteilung von Macht als Bedingung für die ungleiche Entwicklung der Anthropologien in unterschiedlichen nationalen Kontexten. Vor diesem Hintergrund vermag das Projekt die Eigenständigkeit der Traditionen in Forschung und Lehre in der türkischen Anthropologie zur Geltung bringen. Eine zentrale Annahme ist hierbei, dass die türkische Anthropologie gerade durch „traveling theory“ (Said 1982) florierte. Hierbei verhandelte die türkische Anthropologie seit den 1850ern verschiedene europäische ethnologische Traditionen und modifizierte sie in kreativer Weise. Durch diese originären Perspektive auf die dynamische anthropologische Tradition in der Türkei trägt das Vorhaben zu einer dezentralisierten anthropologischen Geschichtsschreibung bei. Anhand von fünf prägenden Momenten in der Fachgeschichte der türkischen Anthropologie arbeitet das Vorhaben die Übergänge und Umbrüche in den Bedeutungen und Verwendungen zentraler Begriffe der Disziplin heraus, wie beispielsweise Rasse, Volk und Nation.
Projektstitel:
Andreas David Mordtmann und die Ethnologie des 19. Jahrhunderts in der
Türkei: Umdeutung der Geschichte der Anthropologie vor der Spaltung in
Volkskunde und Völkerkunde.
Finanziert durch: Westfälische
Wilhelms-Universität Münster. Gastwissenschaftlerin im Seminar für
Volkskunde/Europäische Ethnologie.
Projektdauer: Wintersemester 2018/2019
Projektübersicht:
Die Bezeichnungen Ethnologie, Kulturanthropologie und Volkskunde, die
heute im deutschsprachigen Raum genutzt werden, sind das Ergebnis
komplexer Aushandlungsprozesse. Wissenschaftler*innen verweisen auf das
18. und 19. Jahrhundert als kritische Epoche in der Geschichte der
Disziplin (H.F. Vermeulen). Zu dieser Zeit wurden Begriffe wie „Mensch",
„Rasse" und „Völker" zueinander in Beziehung gesetzt. Terminologien
verwischt. Vor der Akademisierung der Anthropologie in der Türkei im
Jahre 1925 haben zahlreiche Europäische Reisende bewirkt, dass die
Ethnologie und das ethnographische Denken im Osmanischen Reich Einzug
erhielten. Dazu zählte auch Andreas David Mordtmann der Ältere
(1811-1879), der nach Istanbul reiste. Mordtmann war ein
autodidaktischer Orientalist aus Hamburg und ein Schützling des
gebildeten Staatsmannes Münif Pasa. Mordtmann lehrte Ethnologie und
Ethnographie an der westlich-orientierten Fakultät für
Politikwissenschaft „Mülkiye Mektebi" in Istanbul. Sein Student Osman
Bey veröffentlichte seine Mitschriften, „Ilm-i Ahvâl-i Akvâm“
(Ethnologie), aus Mordtmanns Vorlesungen im Jahr 1884. Dies zeigt wie
prägend sein Einfluss auf die türkische Ethnologie war. Die
Veröffentlichung bezieht sich auf den Quelltext „Ilm-i Ahvâl-i Akvâm",
die die Theorien und Grenzen in Verbindung zu Biographien, sowie
sozialer und politischer Geschichte setzt. Der Quellentext untersucht
außerdem das Wechselspiel zwischen Autor Osman Bey und seinem Lehrer
Mordtmann, sowieso die Themenkomplexe Orientalismus, Volkskunde und
Völkerkunde.
Wie sehr kann Mordtmann als Repräsentant der Deutschen
Ethnologie seiner Zeit gesehen werden? Wie hat er seine Studierenden
unterrichtet? Welche Darstellung finden Mordtmanns Begrifflichkeiten in
„Ilm-i Ahvâl-i Akvâm“? Wie wurden andere fachliche Terminologien in der
Türkei später verwendet?
Mordtmann war Zeuge des Verfalls des
Osmanischen Reichs, als es dem (politischen und wirtschaftlichen) Druck
des Westens mit den Tanzimat-Reformen (1839-1876) entgegnete. Seine
Reisen und Theorien wirkten in zwei Richtungen: Mordtmann erzeugte
Wissen über den “Orient", welches in Deutschland Anklang fand, und trug
eine Perspektive der Ethnologie in die Osmanische Literatur. Das Projekt
will die Bedeutung Mordtmanns erarbeiten und darüber hinaus neues Licht
auf das wissenschaftliche Erbe der türkischen Ethnologie im 19.
Jahrhundert werfen. Es zielt darauf ab, die bis dato vernachlässigte
lange Geschichte des Deutsch-Türkischen wissenschaftlichen Austauschs
neu zu beurteilen.
Projekttitel:
Begegnung mit der Deutscher Volkskunde, Europäischen Ethnologie und
Ethnologie: „Travelling Theory“ von `Volk´, `Kultur´ und `Rasse´ im
Habitus der Türkischen Ethnologie (1850-1940).
Projektdauer: 2016-2017
Projektförderung:
Stiftung zur Förderung der internationalen wissenschaftlichen
Beziehungen der Goethe-Universität und Forschungsförderung durch den
Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD)
Projektzusammenfassung:
Das Projekt ist inspirieret von dem Begriff „traveling theory“ von
Edward Said (Said 1984, 2012) und untersucht die Disziplinen
Anthropologie, Ethnologie und Volkskunde in deren historischer
Entwicklung im türkischen und deutschsprachigen Raum. Mit diesem Konzept
wird es mir möglich den globalen Wissenstransfer in den
Geisteswissenschaften zu beleuchten. Ich habe die beiden Fallbeispiele
vergleichend untersucht und zahlreiche qualitative
Expert*inneninterviews mit Anthropolog*innen und Ethnolog*innen in
Deutschland und Österreich ausgeführt. Meine Forschungen zur
Anthropologie, Ethnologie und Volkskunde im türkischen Sprachraum
beruhen auf Literaturanalysen. Der Begriff „world anthropologies“
ermöglichte es mir, die hegemoniale Denkweise, der in diesem Bereich
dominanten englischsprachigen Wissenschaft, deren akademischer
Einrichtungen und hervorgebrachten Narrative, kritisch zu hinterfragen.
Diese Art der wissenschaftlichen Dominanz negligiert die
Eigenständigkeit nationaler Forschung in der Anthropologie. Durch die
Verbindung „traveling theory“ mit dem theoretischen Ansatz der „world
anthropologies“ war es mir möglich, das „globale“ Verständnis dieser
Disziplin in all ihren Facetten zu reflektieren.
Projekttitel:Erzählung
der transnationalen Vaterschaft: Drei Generation türkischer Väter mit
Migrationshintergrund und ihre wechselnden Perspektiven und Erfahrungen
in Deutschland
Projektdauer: 2014-2015
Projektförderung:TÜBITAK
2219 Stipendienprogram der Internationalen Post-Doktoranden-Forschung.
University of Applied Sciences Frankfurt am Main - Research Fellow
Projektzusammenfassung:
Seit den frühen 2000 Jahren gibt es in Deutschland eine anhaltende
politische Debatte über die „neue Vaterschaft“. Die Studie ist
eingebettet in die Debatte um „neue Vaterschaft“ und der Migration aus
der Türkei nach Deutschland. Die Forschung konzentrierte sich auf die
Erfahrungen von Vätern mit Migrationshintergrund, unter Beachtung einer
intergenerationellen Perspektive wurden dabei die subjektiven
Erfahrungen von Vätern aus der Türkei aus drei Generationen untersucht.
Dies beinhaltete den Umgang der Männer mit den verschiedenen Ansprüchen
der Vaterschaft ausgehend vom Deutschen Staat, verschiedenen NGOs und
ihren Vaterschaftsprogrammen, deutscher Kultur und Gesellschaft, sowie
von der entsendenden Gesellschaft und der Kultur der Türkei. Die
Forschung stützte sich vor allem auf in die Tiefe gehenden Interviews
mit Vätern und anderen Akteuren in den Vaterschaftsprogrammen, wie zum
Beispiel deren Entwickler*innen, den umsetzenden Sozialarbeiter*innen
und Forscher*innen. Darüber hinaus fanden die Methoden der Beobachtung
und Teilnehmenden Beobachtung in ausgewählten Familien Anwendung.
Insgesamt wurden 60 Interviews geführt, die sich in der Phase der
weiteren detaillierten Analyse befinden.
This special issue of the Journal of Folklore Research addresses the role of traveling theory in disciplinary histories. The articles in this special issue stem from the workshop that marked the conclusion of Birkalan-Gedik's DFG Project in 2022, titled “Traveling Theories: Histories of Anthropology and Folklore, 1850–1950," which took place in Frankfurt am Main, Germany, from May 4 to 6, 2022, with scholars from Israel, Portugal, Serbia, Turkey.
Link to the Special Issue: Project MUSE - Journal of Folklore Research-Volume 62, Number 1-2, January-August 2025
The complete issue can be accessed here as pdf: Cultural Analysis 2025.
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